13. Mai 2001: Digital Arts and Culture 2001

Vom 26.-28. April 2001 fand an der Brown Universität in Providence (USA) die 4. Internationale Konferenz Digital Arts and Culture (DAC) statt. Dr. Anja Rau von BlueMars stellte neue Ergebnisse des Projekts "Zeitempfinden in digitalen Umgebungen" vor.

Im Rahmen der DAC trifft sich, (in jährlichem Wechsel zwischen den Vereinigten Staaten und Europa) eine Community von Wissenschaftlern, Entwicklern und Künstlern, um neue Projekte zu präsentieren und zu diskutieren. DAC hat seine Wurzeln in der Hypertext-Szene der amerikanischen Ostküsten-Universitäten. Hier entstanden in den späten 80er und 90er Jahren die ersten digitalen, hypertextuellen Romane sowie eine Theorie digitaler Textualität, die heute noch die Kunst und experimentelle Forschung auf diesem Gebiet prägt.

Kunst und Usability
Neben digitaler Literatur und Poesie, Knowledge-Management und Spielen, die Grenzen zwischen virtuellen und realen Räumen verwischen, war das Interface eins der zentralen Themen der Konferenz. Ted Nelson, "Erfinder" des Internet als basisdemokratischem Publikationsraum, nannte das Internet in seiner polemisch-satirischen Eröffnungsrede ein "Internet der Geeks". Brilliantes Datenbankdesign ginge noch lange nicht mit nutzerfreundlichem - von brilliant ganz zu schweigen - Interfacedesign einher. Nelson brach damit dem zur Zeit virulenten Ruf nach größerer Usability eine Lanze. Einige der interessantesten Vorträge behandelten dann auch Themen wie räumliche Metaphern im Screendesign (Susana Tosca, Oxford) und die Navigationsumgebung als Teil der präsentierten Information (Terry Harpold, Universität Florida). Anne Mangen und Maribeth Back berichteten von Experimenten mit digitalen Büchern bei Xerox PARC.

BlueMars auf der DAC
Dr. Anja Rau von BlueMars stellte neue Ergebnisse des Projekts "Zeitempfinden in digitalen Umgebungen" vor. Das digitale Medium ist in besonderem Maße in der Lage, das Zeitverständnis moderner Physik und zeitgenössischer Alltagswahrnehmung zu aktualisieren. Hieraus ergeben sich konzeptionelle Effekte, die auch für Webdesign genutzt werden können: Entertainment- eher als Informations-orientierte Sites können mit temporalen Abläufen und Zusammenhängen spielen und den Nutzern so fesselnde Interfaces bieten, die traffiksteigernd und kontaktgenerierend wirken können.

Vom einsamen Genie zum Team
Digital Arts and Culture 2001 zeigte einmal mehr, dass die Trennung von Wissenschaft/Kunst ("the Arts" im angloamerikanischen Sprachgebrauch) auf der einen und Industrie/Wirtschaft auf der anderen Seite im digitalen Zeitalter aufgehoben werden muss. Seit der Entwicklung des Personal Computers und des Internet als Breitenkommunikationsmittel wird dem Computer zugetraut, Kunst zu demokratisieren und in den Alltag zurückzuholen. Vernetzte Schreibprojekte zum Beispiel kennen keinen Dichter mehr, der dem Leser monologisch eine "Message" übermittelt. Stattdessen konstruieren viele gleichberechtigte Autoren Bedeutung im Dialog immer wieder neu. Dr. Anja Rau: "Der digitale Raum sollte dem Autor seine "Autor"ität nehmen. Das geschieht jetzt tatsächlich - aber anders als gedacht. Einzelautoren sind kaum mehr in der Lage, multimediale Projekte allein zu entwicklen. Statt des einsamen Genies sind jetzt Teams aus Spezialisten am Werk, die ihre Kompetenzen in Bild, Ton, Text oder Programmierung einbringen. Solche Teams findet man heute vor allem in kommerziellen Zusammenhängen, denn nicht nur die technologische Entwicklung vom Bleistift zum digitalen Schnittplatz macht Multimedia teuer. Das romantische Bild vom armen Poeten und den schönen Künsten gilt nicht mehr. Es wird Zeit, dass Universitäten und Kulturbereich über ihren Schatten springen und der Wirtschaft die Hand reichen."